– Gastbeitrag –
Mensch gegenüber Maschine: eine uralte Auseinandersetzung, die seit Jahrhunderten für Streit sorgt. Bis zurück in die Zeit der Ludditen, den britischen Textilhandwerkern, die sich im 19. Jahrhundert daran machten, systematisch Webmaschinen zu zerstören, die die industrielle Revolution hervorgebracht hatte, haben sich die Menschen traditionell zunächst gegen technischen Fortschritt gesträubt…und ihn später doch bereitwillig angenommen, nachdem seine ganzen Vorteile erkannt worden waren.
Freilich tragen Technik und Maschinen zweifelsfrei dazu bei, dass Menschen ein wesentlich leichteres Leben führen. Aber in welchem Ausmaß können Maschinen tatsächlich das übertreffen, zu dem ein Mensch imstande ist? Nun, tatsächlich sogar in einem ziemlich hohen Maß. Ein Auto bringt uns in weit weniger als einer Stunde weiter als 80 km. Haben Sie schon einmal versucht, eine solche Strecke zu laufen? Und ein Skalpell kann es nicht mit der Präzision der Laserchirurgie aufnehmen.
Die technische Revolution ist jetzt voll im Gang, und die Menschen nehmen diese Veränderungen begeisterter hin als je zuvor. Das Internet, Handys, tragbare Spielkonsolen, MP3-Player…überall umgeben uns Technik und technische Spielereien.
Wir sind uns also darüber einig, dass Technik phantastisch ist. Gibt es aber Bereiche, in denen Menschen der Technik immer überlegen sind? Gibt es irgendetwas, worin Maschinen niemals einen Homo sapiens aus Fleisch und Blut schlagen werden?
Nun, wenn wir einmal die Tatsache beiseite lassen, dass es immerhin Menschen sind, die tatsächlich all diese großartigen Maschinen und Apparate überhaupt erst bauen, gibt es doch immer noch Bereiche, in denen wir nicht zu ersetzen sind. Haben Sie schon einmal einen Roman oder ein Gedicht gelesen, das von einem Computer geschrieben wurde? Oder einen hitverdächtigen Song gekauft, den ein Pentium komponiert hat? Natürlich nicht. Maschinen sind gut, aber nicht so gut.
Sprache beherrschen zum Beispiel wir Menschen am besten. Google, Yahoo, Bing und dergleichen bieten hochentwickelte Maschinenübersetzungen auf einem ziemlich beeindruckenden Niveau an. Die Technik verkleinert zweifellos die Kluft, aber werden Maschinenübersetzungen jemals eine der Arbeit eines Übersetzers gleichwertige Qualität erreichen können? Nein. Maschinen werden niemals in der Lage sein, Stil, Kontext, Kultur oder Nuancen einer Sprache zu verstehen.
Wenn Sie den Text einer E-Mail in einer fremden Sprache von Google übersetzen lassen, ist es möglich, dass Sie den übersetzten Inhalt der Nachricht halbwegs verstehen können. Sie werden jedoch merken, dass er nicht vollkommen richtig klingt.
Stellen Sie sich nun einmal einen komplexeren Text vor, etwa einen Roman, der eine weit größere Anzahl von Adjektiven und Substantiven, Metaphern und umgangssprachlichen Ausdrücken enthält und in dem es vor lauter Synonymen nur so wimmelt. Stellen Sie einmal Google Translate mit ein paar Absätzen aus den Werken Oscar Wildes oder Karl Mays auf die Probe, und Sie werden schnell erkennen, wer tatsächlich der Meister auf dem Gebiet der Übersetzung ist.
Sprache ist ein wahrhaft phantastisches Kommunikationsmittel. Sie stellt auch eine der letzten echten Barrieren dar, die es zur Schaffung eines globalen Dorfes zu überwinden gilt. Und sollten sich nicht alle 6 Milliarden Menschen auf der Welt auf eine einzige gemeinsame Sprache einigen, wird sich daran auch nichts ändern. Und genau aus diesem Grund ist Sprache als Instrument in der heutigen Zeit einer digitalen, globalisierten und rund um die Uhr kommunizierenden Welt von so zentraler Bedeutung.
In allen Sprachen finden sich unzählige Eigenheiten, die illustrieren können, warum Menschen im Vergleich mit Maschinen immer die Oberhand behalten werden, wenn es ums Übersetzen geht. Etliche Wörter lassen sich einfach nicht sehr gut von einer Sprache in die andere übersetzen.
Schadenfreude ist beispielsweise ein deutsches Wort, das die Freude über das Missgeschick oder Unglück anderer zum Ausdruck bringt. Im Englischen gibt es kein einzelnes Wort, das genau diese Bedeutung hat. Es wäre daher in der Übersetzung eine sehr detaillierte Umschreibung nötig, die die linguistische Gewandtheit eines menschlichen Übersetzers erfordert.
Dann gibt es noch als anderes Beispiel aus dem Deutschen die Torschlusspanik, eine Metapher, die die Befürchtung ausdrückt, noch nicht verwirklichte Ziele, vornehmlich aus Altersgründen, möglicherweise nicht mehr zu erreichen. Diese Metapher wird meist für Frauen verwendet, die unter Handlungsdruck gegen ihre biologische Uhr geraten.
Nicht vergessen sollte man auch den recht beeindruckenden Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, ein Mehrfachkompositum, das aus verschiedenen Hauptwörtern zusammengesetzt ist und einen Kapitän bezeichnet, der für die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG) tätig ist. Dieses Wort wird selbstverständlich in unseren Tagen kaum noch benutzt (wann sind Sie zuletzt auf einem Dampfer gereist?), ist aber ein ausgezeichnetes Beispiel für Wörter, die sich nicht so ohne Weiteres ins Englische übersetzen lassen.
Der amerikanische Humorist Mark Twain schrieb einmal: „Manche deutschen Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann.“ Aber der Grund dafür, dass deutsche Wörter oft so viel länger als zum Beispiel englische Wörter sind, liegt natürlich, genau wie bei dem obengenannten Wortriesen aus 42 Buchstaben, darin, dass im Deutschen Komposita verwendet werden, die aus mehreren Wörtern zusammengesetzt sind. Deshalb sind sie nicht immer so einfach zu übersetzen.
Auch im Japanischen gibt es viele Wörter, die sich nicht sehr gut von einer Sprache in die andere übersetzen lassen. Das Wort Kyoikumama
bezeichnet eine Mutter, die ihre Kinder schonungslos zu akademischen Höchstleistungen antreibt. Und im Italienischen ist untore ein ganz spezieller Sündenbock des 17. Jahrhunderts: Während die Pest wütete, konnten die Menschen keine Erklärung dafür finden, wie die Krankheit übertragen wurde. Sie machten dafür eine erdachte Person verantwortlich, die in ihrer Vorstellung von Tür zu Tür ging und die Krankheit so in den Gemeinden verbreitete.
Das Wort, das häufig unter Übersetzern als eines der am schwierigsten zu übersetzenden Wörter gilt, ist Ilunga, ein Wort aus der Sprache Tschiluba, die im Südosten der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) gesprochen wird. Dieses Wort bezeichnet einen Mann, der bereit ist, eine Beschimpfung beim ersten Mal zu verzeihen, sie beim zweiten Mal zu tolerieren, aber beim dritten Mal weder zum Vergeben noch zum Verzeihen dieser Beschimpfung bereit ist. Wenn es einem professionellen Übersetzer Mühe machen kann, ein solches Konzept in eine andere Sprache zu übertragen, wie würde dann Google Translate damit zurechtkommen? Uns schaudert bei dem bloßen Gedanken daran.
Die Unterschiede zwischen Sprachen beschränken sich aber nicht allein auf eigentümliche Wörter, die schwer zu übersetzen sind. In allen indoeuropäischen und semitischen Sprachen (also den meisten europäischen Sprachen sowie einigen anderen Sprachen im Nahen Osten, in Afrika und Asien) werden beispielsweise „Artikel“ verwendet. Im Deutschen gibt es der, die, das, ein und eine, und im Englischen the, a und an.
In den Sprachen Chinesisch, Japanisch, Hindi, Malaiisch und Russisch gibt es genaugenommen keine Artikel, wenn dort auch manchmal Wörter verwendet werden, die als Artikel fungieren.
In einigen Sprachen werden bestimmte Artikel – beispielsweise der oder the – nicht immer als eigenständiges Wort benutzt und können ebenso als Suffix am Ende eines Substantivs vorkommen. Das Wort für Haus ist zum Beispiel im Schwedischen hus, aber das Wort für das Haus ist huset. Gleichermaßen ist das Wort für Straße auf Rumänisch drum, aber die Straße heißt drumul.
Sprache ist etwas wirklich Herrliches. Obwohl die meisten Mundarten eine gemeinsame Ursprache teilen, gibt es so viele subtile – und weniger subtile – Unterschiede zwischen den unzähligen Sprachen der Welt, dass nur Menschen in der Lage sind, diese Nuancen wirklich zu verstehen. Maschinen sind Menschen in vielen Bereichen überlegen, aber wenn es um Sprachen und Übersetzungen geht, können sie es mit Menschen nicht aufnehmen.
Über den Autor
Christian Arno ist Gründer und Geschäftsführer des internationalen Anbieters für Übersetzungsdienstleistungen Lingo24. Lingo24 ist in mehr als 60 Ländern für Kunden aus sämtlichen Industriezweigen tätig und erzielte im Jahr 2009 einen Umsatz von €4 Mio. Besuchen Sie Christian Arno auf Twitter: @Lingo24chr.