25. Oktober 2010

Ist Übersetzen überhaupt möglich?

In einer Schwammkopf-Folge fährt der Tintenfisch in einem aufgemotzten Auto herum und sagt: “Schaut mal: mein neues Muskelauto!” Das ist die wörtliche Übersetzung des englischen muscle car, und ich dachte, es müsse doch eine bessere Übersetzung geben. Aber ich fand keine.

Schaut man sich die Bilder von Muscle Cars an, denkt man an – wie gesagt – aufgemotzte Autos, wie sie auch auf unseren Straßen zu sehen sind: tiefergelegte BMWs mit Breitreifen und Heckspoiler zum Beispiel.

Der Schein trügt jedoch. Unter “Muscle Cars” versteht man im US-amerikanischen nämlich laut Wikipedia erstens nur Autos bestimmter amerikanischer Hersteller wie Chevrolet, Dodge oder Oldsmobile mit einem Acht-Zylinder-Motor, und zweitens sind sie bereits ab Werk so hergestellt, d.h. gar nicht nachträglich getunt.

Dieses Beispiel zeigt wieder einmal, dass Wortbedeutungen von der jeweiligen Kultur abhängen, und warum Übersetzen so schwierig ist. Der Sprachphilosoph Hilary Putnam veranschaulicht am Beispiel Katze, dass selbst vermeintlich “einfache” Wörter nicht immer Eins-zu-Eins übersetzbar sind, denn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen haben unterschiedliche prototypische Katzen vor Augen: Thailänder eine Siamkatze, Iraner eine Perserkatze, usw., so dass die Übersetzung des thailändischen miu (Mæw) mit Katze strenggenommen nicht korrekt ist.

Der Philosoph W.V.O. Quine hat daraus gefolgert, echtes Übersetzen sei unmöglich, es gebe nur unterschiedlich “brauchbare” Annäherungen.

7. Juli 2010

Visualisierung von Wortfeldern: Translation Explorer

Wenn man im Wörterbuch die Übersetzungen eines Wortes nachschlägt, und dann zu allen gefundenen Übersetzungen wiederum die Übersetzungen zurück in die Ausgangssprache nachschlägt, erhält man Graphen wie den folgenden für das Ausgangswort “witzig”:

Graph zu witzig

Graph zu witzig

Den Graphen hat der Prototyp unserer neuen Anwendung Translation Explorer generiert. Die Wörter der Ausgangssprache sind orange unterlegt, die Wörter der zweiten Sprache blassrosa. Das Ausgangswort befindet sich in der Mitte des Graphen. Im Gegensatz zu den hier gezeigten Screenshots sind die Graphen im Translation Explorer interaktiv. Wenn man ein Wort anklickt, werden diejenigen Wörter, die direkt damit verbunden sind, farblich hervorgehoben (das sieht man weiter unten im Graphen zu “grow”, wo “wachsen” angeklickt wurde). Man kann den Graphen auch auseinanderziehen, mit dem Scrollrad hinein- und hinauszoomen und einzelne Wörter woandershin bewegen.

Wozu sind die Graphen gut? Im folgenden stellen wir drei Einsatzmöglichkeiten vor.

Synonyme finden
Im Graphen zu “witzig” findet man unter den Rückübersetzungen viele Synonyme zum Ausgangswort, wie “spaßig”, “lustig”, “drollig” usw.
Welche Synonyme gibt es für das englische Verb “grow”, und zwar im Sinne von “wachsen”? Ein Blick auf den folgenden Graphen liefert die Antwort.

Graph für grow

Graph für grow

Die richtige Übersetzung in einem bestimmten Kontext finden
Wie sagt man “eine Kugel Eis” auf Englisch? Die Übersetzungen für “Kugel” sind:

spheric spherical ball bowl bullet globe orb orbicule scoop shot slug sphere

Hier der Graph zu “Kugel”:

Graph für Kugel

Graph für Kugel

Die passendste Übersetzung wäre wohl “scoop”, da dieses Wort wiederum mit “Kelle” oder “Schöpfer” ins Deutsche übersetzt wird (oben im Graphen). Tatsächlich sagt man im Englischen “a scoop of ice cream”.

Eine nützliche Erweiterung des Translation Explorers wäre eine Suchanfrage nach Belegstellen, wo man die fragliche Übersetzung dann gleich in echten Textbeispielen überprüfen kann.

Rundreise durch den Wortschatz
Mit einem Rechts-Klick auf ein Wort wird der Graph um dieses Wort anzeigt, so dass man graphisch durch den ganzen Wortschatz “surfen” kann. Das ist nicht nur für visuell veranlagte Leute vielleicht eine motivierendere Art Vokabeln zu “büffeln”.

Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter um nicht den Erscheinungstermin vom Translation Explorer zu verpassen.

11. Juni 2010

Portale mit zweisprachigen Beispielsätzen zum Nachschlagen von Übersetzungen

Abgelegt unter: translation memory, Übersetzung — Tags:, , , — admin @ 11:18

Wie findet man heraus, wie ein Wort richtig verwendet wird? Richtig, in dem man in einem Textkorpus die richtige Verwendung im Kontext nachschlägt. Für deutsche Sätze z.B. in der Korpussammlung vom IDS und für englische Sätze z.B. im British National Corpus. Das Nachschlagen in solchen einsprachigen Korpora eignet sich für Muttersprachler oder für fortgeschrittene Sprecher. Wenn jedoch ein Deutschsprachiger mit Anfängerkenntnissen des Englischen eine englische Übersetzung für einen Begriff sucht, kann er nur anhand des Kontextes entscheiden, welche Übersetzung die passende ist. Da er nicht richtig Englisch kann, kann er mit nur einem einsprachigen Korpus nichts anfangen und braucht daher die entsprechende deutsche Übersetzung. An dieser Stelle braucht er also zweisprachige Beispielsätze, in denen er nachschauen kann. Ein paar solcher Portale, die außer uns zweisprachige Beispielsätze zum Durchsuchen anbieten gibt es schon. Je nach Sprachpaar variiert nur die Menge an zweisprachigen Beispielsätzen, die zum Suchbegriff geliefert werden.

Nennenswerte Anbieter zweisprachiger Beispielsätze sind diese sechs (in alphabetischer Reihenfolge):

lingo24linguatoolslingueemymemoryTatoebataus

13. Mai 2010

Relaunch des deutsch-spanischen Wörterbuchs

Seit Juli 2009 ist linguatools deutsch-spanisches Satzarchiv bereits online und erfreut sich steigender Beliebtheit. Jetzt nach neun Monaten erfolgte die “Wiedergeburt” zu einem richtigen Wörterbuch und das nicht zu irgendeinem. Im Gegensatz zu herkömmlichen Wörterbüchern werden bei diesem Wörterbuch zu jeder Übersetzung Verwendungsbeispiele angezeigt, was ungemein die Entscheidung erleichtert, welche der angebotenen Übersetzungen die geignete oder gar nur die einzig richtige ist.

Schauen wir uns zum Beispiel an, welche spanischen Übersetzungen uns das Wörterbuch für das Wort “schließen” liefert. Wir erhalten insgesamt zehn verschiedene Übersetzungen, wobei eine davon Teil einer festen Wortverbindung ist:

cerrar clausurar concluir deducir finalizar llegar a una conclusión encerrar tapar levantar colmar

Wenn man Spanisch nicht beherrscht, fragt man sich wahrscheinlich nun, welche Übersetzung die passende für den jeweiligen Verwendungszweck ist. Genau an dieser Stelle setzt das linguatools-Wörterbuch an und präsentiert zu jeder Übersetzung eine Menge zweisprachiger Beispielsätze, aus denen ersichtlich ist, ob es DIE Übersetzung ist, nach der man gesucht hat.

Das Anklicken der oben auf der Seite präsentierten spanischen Übersetzungen zum gesuchten Wort führt zum Übersetzungspaar mit den jeweiligen zweisprachigen Verwendungsbeispielen. Zusätzlich bei jedem Übersetzungspaar findet man noch eine Anmerkung auf welche Weise dieses spanische Wort widerum ins Deutsche übersetzt wird. Nehmen wir zum Beispiel das Übersetzungspaar Schließen:cerrar. Bei “wird noch übersetzt mit” stehen folgende Wörter, die gleichzeitg als Synonyme zu “schließen” verstanden werden können:

absperren, blockieren, dichten, sperren, verschließen

Auch für Suchwörter, für die keine direkte Übersetzung in unserem Wörterbuch gefunden wird, werden zweisprachige Beispielsätze angezeigt. Links der Beispielsatz in der einen Sprache mit dem gesuchten Wort und rechts der entsprechende übersetzte Satz aus dem die gesuchte Übersetzung “herausgefischt” werden kann.

Das Wörterbuch enthält zum jetzigen Zeitpunkt 96.000 Übersetzungen und feste Wortverbindungen vorwiegend aus Wikipedia und dem Wiktionary, sowie fast 2,5 Millionen zweisprachige Beispielsätze, die hauptsächlich aus Reden des Europäischen Parlaments stammen. Einen großen Teil an Beispielsätzen bilden auch die Zeitungskommentare, die aus dem Projekt Syndicate stammen, sowie die Untertitel, die von http://www.opensubtitles.org/ stammen.

Die User sind eingeladen, weitere Übersetzungen in das linguatools-Wörterbuch einzutragen und somit zur Erweiterung des Kontext-Wörterbuchs beizutragen.

22. Februar 2010

Interview mit Literaturübersetzerin

Abgelegt unter: deutsch-russisch, Übersetzung — Tags:, , — Peter @ 09:07

In der FAZ erschien ein interessantes Interview mit Rosemarie Tietze, die Leo Tolstois Anna Karenina neu übersetzt hat. Sie berichtet darin von übersetzerischer Detektivarbeit, Schnepfen und dem Nutzen historischer Korpora bei der Übersetzung.

8. Februar 2010

Noch mehr falsche Freunde

Abgelegt unter: deutsch-englisch — Tags:, , — Peter @ 08:23

Im letzten Posting ging es um mehrdeutige Wörter, bei denen die Gefahr besteht, beim Übersetzen die falsche Bedeutung auszuwählen, und dadurch im Idealfall einen unfreiwillig komischen Text zu produzieren. Meist weniger lustig, aber dafür umso nerviger, sind die “falschen Freunde”, von denen es wegen der engen Verwandtschaft der beiden Sprachen in der Paarung Deutsch-Englisch besonders viele gibt. Man spricht von einem falschen Freund, wenn ein englisches Wort genauso aussieht wie ein deutsches, es aber (auch) etwas anderes bedeutet, bzw. wenn es im Deutschen in dieser Bedeutung nicht geläufig ist. Oder besser: war.

Den ersten falschen Freund für heute finden wir in dieser Überschrift:

World-of-Warcraft-Spieler beschweren sich über Charakter-Überwachung
(Heise online, 23.1.2010)

Ja, haben die World-of-Warcraft-Spieler denn so einen gefährdeten Charakter? Alles Schummler, Neider, Halunken? Nein, das englische “character” in der Bedeutung von “Spielfigur” wurde so oft einfach mit “Charakter” ins Deutsche übersetzt, dass es sich im Spielebereich schon durchgesetzt hat. Etwas unglücklich formuliert ist die Überschrift trotzdem.

Nächster falscher Freund: “local”. Früher wurde das mit “örtlich”, “ortsansässig” oder “hiesig” übersetzt, heute fast nur noch mit “lokal”. Man liest vom “lokalen Vertreter der Allianz-Versicherung”, den “lokalen Geschäften” und “lokalen Handwerkern”. Komischerweise hört man aber immer nur von den “örtlichen Lokalen”, nie von den “lokalen Lokalen”. Wieso eigentlich nicht?

Der dritte und letzte falsche Freund für heute ist die “Administration”. Dies ist ein spezielles deutsches Wort, das ausschließlich für US-amerikanische Regierungen verwendet wird: Clinton-Administration, Bush-Administration, Obama-Administration. Hat man je von einer Sarkozy-, Putin- oder Merkel-Administration gehört? Schon bedenklich: “Obama-Administration” ergibt in der deutschen Google News-Suche 55.000 Treffer, “Obama-Regierung” gerade mal 200.

4. Februar 2010

Apple verschifft Computer

In der Liste mit deutsch-englischen Übersetzungsfallen und falschen Freunden von Stefan Winterstein findet sich das lustige Beispiel von der “Verschiffung von Windows 98″. Das englische “to ship” wurde mit “verschiffen” statt “ausliefern” übersetzt. Beide Übersetzungen sind natürlich für sich genommen korrekt. Da man es hier aber mit zwei ganz unterschiedlichen Lesarten des Verbs “to ship” zu tun hat, ist der Übersetzer gefordert, die in den aktuellen Kontext passende Bedeutung auszuwählen. Das gelingt offenbar weniger oft als gedacht, denn es war ziemlich einfach über Google ein weiteres Beispiel des gleichen Übersetzungsfehlers aufzuspüren:

Fundamental laufen die Geschäfte für Apple derzeit gar nicht so schlecht. Die
weltweiten Computerverkäufe sind zwar zum Jahresende erstmals seit fünf Jahren
um 0,4 Prozent gefallen, berichtete das amerikanische Marktforschungsinstitut
IDC am Mittwoch. Immerhin konnte Apple jedoch 1,2 Millionen Computer
verschiffen und den Marktanteil auf 7,2 Prozent steigern. (FAZ vom 15.1.2009)

Neben dem Verb “verschiffen” habe ich auch “Fundamental” hervorgehoben, denn auch hieran könnte man erkennen, dass der Text aus dem Englischen übertragen wurde. Das englische “fundamental(ly)” wurde naheliegenderweise mit “fundamental” übersetzt, was sich hier aber etwas seltsam anhört. Eine alternative Übersetzung wie “grundsätzlich” würde sich flüssiger lesen.

Wie kommt so ein lachhafter deutscher Text zustande? Meine Vermutung ist: das englische Original wurde maschinell übersetzt, und diese Rohübersetzung dann in großer Eile nachkorrigiert, wobei einiges übersehen wurde.

21. Oktober 2009

Korrekte Übersetzung, falscher Gebrauch

Viele Wörterbücher listen zu einem gesuchten Wort lediglich Übersetzungen auf, ohne weitere Hinweise zum Gebrauch oder Verwendungsbeispiele. Die zwei folgenden Anekdoten zeigen, dass man sich ganz schön blamieren kann, wenn man solche Übersetzungen einfach übernimmt.

Im tschechisch-deutschen Wörterbuch von Seznam erscheint u.a. “Visage” als Übersetzung des tschechischen Wortes “tvář” (dt. “Gesicht”). Ein Berliner Professor erzählt gern die Geschichte von der tschechischen Institutsmitarbeiterin, die ihn am Bahnhof in Prag abholte und ausdrücken wollte, dass sie beide sich schon einmal begegnet seien. Sie sagte: “Ich kenne Ihre Visage.”

Im italienisch-deutschen Wörterbuch http://it.lingostudy.de erscheint als deutsche Übersetzung des italienischen “dilettante” (Amateur) neben “Amateur” auch “Dilettant”, leider ohne weitere Gebrauchshinweise. Dazu fällt mir die Pressekonferenz zum Fußballländerspiel Deutschland – San Marino vor einigen Jahren ein. Die Dolmetscherin fragte damals die deutschen Kicker, was sie davon hielten, gegen “Dilettanten” zu spielen.

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de   RSS-Feed   Blog von linguatools.de   Impressum   Powered by WordPress ( WordPress Deutschland )